Auch in den Wintermonaten wollen einige unserer Rennradfahrer*innen nicht auf ihr Training verzichten. Um dabei von der Witterung unabhängig zu bleiben setzen sie auf die altbekannte Rolle. In der letzten Zeit haben sich jedoch auch so genannte „Smart Trainer“ etabliert, die die klassische Rolle in das 21. Jahrhundert holen. In Verbindung mit Plattformen wie Zwift und Discord wird aus dem langweiligen Strampeln ein spannendes Training, das man auch in der Gruppe durchführen kann.

Im nachfolgenden Artikel beschreibt Jürgen Andreas und sein Zwift Setting.

 

Andreas Setting: The New

Bei uns Zuhause teilen sich Andrea und ich ein „Sport“- und Computerzimmer. Andrea hat seit vorletztem Weihnachten den smarten Rollentrainer Tacx Neo. Hier war das Zusammenbauen und Einrichten besonders einfach: Matten auslegen, Gerät aufstellen, passende Kassette einbauen, Hinterrad am gewünschten Rad ausbauen und in das Gerät einspannen. Danach kann man eigentlich schon losfahren, auch ohne Strom ermöglicht der Tacx Neo einen progressiven Widerstand, der stärker wird, je doller man in die Pedalen tritt.

Andreas Zwift Setting

Spannend wird es, wenn man Zwift dazu nimmt. Zwift ist ein Computerspiel, das Radfahren in einer virtuellen Spielwelt simuliert, für viele Tausend Fahrer gleichzeitig, die man alle treffen, mit denen man Fahren und kommunizieren kann.

Die Installation auf meinem Laptop war sehr einfach, dieser hat sowohl Bluetooth als auch Wlan (wie fast jeder Laptop heutzutage), also musste ich bloß Zwift installieren, das Spiel hat den Tacx Neo sofort erkannt und dann in das Menü geführt. Zum ersten Start mich bzw. Andrea dort eintragen, im Menu wird dann die Spielfigur, mein „alter ego“, eingerichtet (Geschlecht, Aussehen, Kleidung...), ein passendes virtuelles Rad ausgesucht und schon kann's losgehen.

Damit der Laptop auch gut zu sehen und vom Rad aus erreichbar ist, habe ich einen kleinen Tisch gekauft, der genau über das Vorderrad passt.

Smarte Rollentrainer haben im Unterschied zu „normalen“ die Eigenschaft, dass sie von dem Spiel direkt angesteuert werden können. Fährt man im Spiel einen Berg hoch, steuert es den Trainer so an, dass das Treten entsprechend der Steigung schwerer wird.

Dabei funktioniert das Spiel sehr realistisch und zieht einen damit in den Bann der Spielwelt hinein. In den Einstellungen kann man sein Gewicht und seine Größe eingeben, mit diesen Angaben wird der Widerstand des Trainers passend auf den Fahrer eingestellt. Im Spiel sind nicht nur die Steigungen und Gefälle realistisch simuliert, sondern z.B. auch der Windschatteneffekt: Fährt man eng auf seinen Vordermann auf, muss man deutlich weniger Watt treten.

Dabei beherrscht das Tacx Neo auch die Simulation des Untergrundes, auf dem man fährt: fährt man in der virtuellen Spielwelt z.B. über eine Brücke mit Holzbohlen, spürt man deutlich ein Rattern und Vibrieren durch die simulierten Bohlen. Das Gerät simuliert diese verschiedenen Untergründe durch verschiedene Mikrobremsungen und schneller Abfolge. Technisch spannend, kann das aber auch nervig und irritierend sein.

Im Spiel sieht man auf der gewählten Strecke die vielen anderen Mitfahrer, aufgrund der vielen Einrichtungsmöglichkeiten eine bunte Mischung. Rechts sieht man immer eine Liste der gut 20 Fahrer, die sich in nächster Nähe vor und hinter mir befinden, mit Namen, Nationalität und z.B. auch der Angabe, mit wie viel Watt pro kg die Fahrer treten, eine Angabe, die ich mir recht häufig anschaue. In der freien Fahrt suche ich mir gern einen Fahrer aus, der in etwa meiner Stärke entspricht, und fahre dann mit ihm bzw. ihr gemeinsam. So kann man sich abwechseln und sich gegenseitig Windschatten spenden. Das Spiel streut auf den Strecken auch immer mal wieder kleine Rennen ein, die auf festgelegten Abschnitten liegen, die man mitfahren kann, aber nicht muss. Am Ende zeigt dann eine Rangliste auf, wie gut man auf diesem Abschnitt gefahren ist.

Dabei schafft es das Spiel sehr gut, einen mitzureißen und zu animieren. Ruck zuck gibt man alles, um den Vordermann einzuholen, besonders gut beim Rennen abzuschneiden etc.

Mit den anderen Fahrern kann man während der Fahrt auch texten, ähnlich wie bei Whatsapp. Wenn man hier längere Zeit mit einem gleichgesinnten, etwa gleichstarken Mitspieler fährt, schlägt das Spiel nach der Fahrt diesen Spiele als Favoriten vor. Diese Favoriten kann man im Spiel leichter wiederfinden, sich mit Ihnen treffen usw.

Das sind nur ein paar der grundlegenden Dinge, die man bei Zwift so machen kann. Es gibt noch viel, viel mehr zu machen und zu entdecken, dazu vielleicht in einem weiteren Artikel mehr.

 

Jürgens Setting: The Old

Ich möchte euch gern noch mein Setting zeigen.

Jürgens Zwift Setting

Das Setting, dass ich für mich aufgebaut habe, ist das schon eher exotisch zu nennen. Grundlage ist ein altes, aber feines Ergometer, ein Daum Premium 8i, ein Gerät, das einen kleinen Computer angebracht hat, mit dem man vorgegebene oder selbsterstellte Trainingsprogramme fahren kann, wobei die Herzfrequenz auch gemessen wird. Cardiotraining, HIIT-Trainings uvm., alles machbar. Für die damalige Zeit (das Ding ist gut 15 Jahre alt) ein Top-Gerät, wird leider nicht mehr produziert. Der kleine Computer nun lässt sich über ein Netzwerkkabel an externe Geräte anschließen. Ich habe meinen Computer neben dem großen, alten LED-Fernseher und zwei ordentlichen Teufel-Lautsprechern auf dem Schreibtisch stehen und ihn über das Netzwerk mit dem Daum 8i verbunden. Jetzt wird's kompliziert: Am Computer steckt ein ANT-USB-Gerät, dass die Leistungsdaten wie getretene Watt, Herzfrequenz, Umdrehungen pro Minute vom Daum 8i empfängt und Zwift zur Verfügung stellt. Auf meinem Samsung S10 Handy ist wiederum ein kleines Programm installiert, das per WLAN im selben Netzwerk wie der Daum 8i eingebunden ist und als Schnittstelle zwischen Zwift und dem Daum 8i fungiert: es nimmt die Trainingsdaten vom Daum per Netzwerk entgegen und schickt sie per ANT and den ANT-USB-Empfänger des Computers. Dort holt Zwift sie ab, integriert sie ins Spiel und gibt wiederum die Wattbelastung, die der Fahrer aufgrund der Spielwelt treten soll, über das ANT-USB-Gerät ans Handy, das diese Anweisung dann per WLAN ans Daum 8i weitergibt. Zwift kann mit dieser Software also den Ergometer steuern.

Da so ein Ergometer auch keine Gangschaltung hat, sondern nur Wattangaben, die man mit +/- ändern kann, simuliert die kleine Software auf dem Handy auch die Gangschaltung des Rades. Einmal Wischen nach oben = ein Gang höher, Wischen nach Rechts = vier Gänge höher. Entsprechend wird der Trittwiderstand simuliert.

Die kleine Software hat mir also ermöglicht, mein Ergometer auch für Zwift zu nutzen. Für 20 Euro nicht schlecht, fand ich.

Am Ergometer habe ich also mein Handy, um die Gangschaltung zu steuern, und eine kleine Bluetoothtastatur, um den Computer und das Spiel zu steuern und ab und zu Texte zu verschicken, und nicht zu vergessen die Fernbedienung für den Ventilator, der auch auf dem Schreibtisch steht und mit dem ich den Gegenwind einstellen kann. Ziemlich wichtig, das Ding, sonst wird man ganz schnell zum Auslaufmodell und schwitzt wie ein tibetanischer Grunzochse.

Allerdings wird das Ganze im Moment nur mit Gummifletschen notdürftig zusammengehalten, wenn ein bisschen Zeit da ist, mache ich mir hier eine passende Grundplatte, die alles sicher festhält.

In letzter Zeit kommen auf dem Handy noch zwei weitere Apps zum Einsatz: der Zwift Companion (später mehr...) und Discord, eine App mit der man sich mit anderen gleichgesinnten in Gruppen treffen und per Audio miteinander sprechen kann, was wir beim gemeinsamen Fahren rege nutzen.

 

Fazit

Der große Bildschirm, die einnehmende Spielwelt und vor allem die Möglichkeit, mit den Vereinskollegen aus der realen Welt in der Spielwelt zusammenzukommen und sich während der gemeinsamen Fahrt zu unterhalten, das macht schon richtig viel Spaß und kommt dem echten Fahren „draußen“ schon ganz schön nahe. Allerdings ist der Spaß nicht billig: für Zwift muss man monatlich 14,95€ bezahlen (kann aber jeden Monat ganz bequem aussetzen, so dass man z.B. im Winter drinnen bezahlt bei Zwift fahren kann und im Sommer draußen, ohne eine Gebühr entrichten zu müssen). Und die Ausrüstung kommt auch nicht günstig: Wer einen smarten Trainer einsetzen möchte, der von Zwift auch angesteuert wird, muss schon gut 700 bis 800 Euro ausgeben. Geräte, deren Trittwiderstand von Zwift nicht gesteuert werden können, sind viel günstiger, machen aber auch viel weniger Spaß: Schließlich soll es bergauf ja auch schwerer zu treten sein, damit es realistisch wirkt. Dazu kommen ein Laptop, ein Tablet oder ein Computer mit Monitor (Tablet mindestens 100€), gegebenenfalls ein ANT-USB-Dongle (gut 20€) , und ein Ventilator (mindestens 30€). Trotzdem: ich finde, die Ausgaben haben sich gelohnt, Zwiften macht Spaß und bei miesem Wetter die beste Wahl.

 

Wer Zwiften nun selbst einmal ausprobieren möchte oder weitere Fragen rund um das Thema hat, sei herzlich zu unserem wöchentlichen „Online Stammtisch“ eingeladen. Details dazu findet ihr den Terminen.

(Text + Fotos: Jürgen Hahn)