Rad am Ring 2018

RadAmRing Start 2

 

Im Juni überredete unser Radfreund und Vereinskollege Werner Köhler Andrea und mich, doch für einen guten Zweck zusammen mit den Altfried Fightern bei Rad am Ring auf dem Nürburgring teilzunehmen. Er schwärmte und beschrieb den Event in den schillerndsten Farben. Neugierig war ich schon mal - und da diesmal sogar ein Gelsenkirchener Projekt gefördert werden sollte, das dann auch noch mit meinem Herzensthema "Nachhaltige Nahrungsmittelproduktion" zu tun hatte, konnte ich nicht mehr nein sagen. Also: ein 24-Stunden-Rennen. Auf einer legendären Autorennbahn. Pro Runde mit 26 Kilometern Länge und vor allem: mehr als 500 Höhenmetern. Eine solche Zahl Höhenmeter auf so kurzer Strecke war schon mal eine Ansage.

RadAmRing Kurven

Doch zunächst mal trafen wir Fahrer uns beim Förderkorb Gelsenkirchen, der Organisation, die von den Altfried Fightern dieses Jahr gefördert werden sollte. Sandra Endemann, die Tochter unseres Vereinskollegen Willi Bergermann, erläuterte uns den Förderkorb und das Projekt, dass sie vorhaben: Der Förderkorb führt Berufsförderung für benachteiligte Jugendliche durch, z.B. langzeitarbeitslose, Schüler ohne Schulabschluss etc. Geplant ist nun ein Projekt, bei dem die Jugendlichen alle Aspekte der Lebensmittelerzeugung - vom Anpflanzen und Ernten bis hin zum Verarbeiten und Vertrieb - auf einem eigens dafür gepachteten Stück Land erleben sollen. Mir als Metzgermeister gefiel diese Idee besonders gut, ich hatte während meiner Schulzeit gemerkt, dass ich als Schüler über dieses Thema so gut wie gar nichts erfahren konnte. Das ich als Abiturient dann Metzger werden wollte, stieß bei meinen Lehrern gar auf große Verwunderung, sogar auf Ablehnung. Während der Lehre und der Gesellenjahre dann erlebte ich aber, wie befriedigend und abwechslungsreich es war, Lebensmittel mit meiner eigenen Hände Arbeit herzustellen. Was ich produzierte, konnte ich sofort ansehen und probieren - wenn ich es gut gemacht hatte, schmeckte es auch gut und das machte mich stolz. Ich glaube, dieses Gefühl, etwas zu tun, das Ergebnis seiner Arbeit sofort zu sehen und mit mehr Einsatz auch etwas Schöneres zu erhalten, fehlt heute vielen Jugendlichen. Insofern: ein tolles Projekt!

Trainingsgruppe

Bei der Besprechung beim Förderkorb erfuhren wir dann, wie groß das Projekt eigentlich war: 70 Radfahrer, unterstützt von 40 Helfern, wollten auf dem Nürburgring ein komplettes Zeltlager - mit Küche und Fahrradwerkstatt - errichten. Alles musste organisiert werden, Zelte, Schlafgelegenheiten, Essen... für das Grillen am ersten Abend spendete ich die Würstchen und das Fleisch (lag ja nahe...) Die Jugendlichen, um die es beim Förderkorb ging, wollten auch eine Runde auf der legendären Rennstrecke fahren. Dafür mussten Räder organisiert werden (die teils von meinem Verein, dem RC Buer-Westerholt, gestellt wurden), die Jugendlichen mussten auf die Strecke und das Radfahren vorbereitet werden. Das Training übernahm Werner Köhler.

Werner war bei den Altfrid-Fightern ein "alter Hase", der schon oft mitgefahren war. Neun Mal ist das gemeinnützige Projekt schon auf dem Nürburgring gestartet und hat damit schon eine gehörige Portion Bekanntheit erlangt. Meine Frau und ich waren froh, ihn als Ansprechpartner zu haben, da wir sonst niemanden dort kannten und noch nie auf dem Nürburgring gefahren waren. Während Andrea sich vorgenommen hatte, das ganze Unterfangen eher behutsam anzugehen, sie wollte vielleicht fünf Runden drehen, wollte ich gern meine Grenzen austesten. Bislang war ich nicht länger als 12 Stunden auf dem Rad gewesen und hatte nicht mehr als 312km am Stück gefahren. Schon gar nicht mit so vielen Höhenmetern! Ob das zu schaffen war? Ich war ganz schön aufgeregt, vor allem weil ich mir unter der Strecke gar nichts vorstellen konnte und die Bedingungen im Zeltlager nicht kannte. Eine Riesen-Erleichterung war, dass Werner sich anbot, unser Auto von dort zurück nach Hause zu fahren. In diesem Jahr würde er nämlich nicht selbst fahren wie all die Jahre zuvor, sondern Helfer sein. Nach so einer langen Strecke ist man sicher extrem müde und das Autofahren doch eher gefährlich.

Ein wichtiger Aspekt war natürlich, für das Projekt Sponsoren zu suchen - entweder mit Einmalbeträgen oder mit Beträgen für jede gefahrene Runde. Das fiel mir als Unternehmer nicht so schwer, ich schrieb einfach meine Lieferanten an und freute mich über die zahlreiche Unterstützung.

RadAmRing Eifel

Der Termin rückte näher, die Aufregung wuchs. Auf den letzten Drücker (am Vortag) packten Andrea und ich unsere Sachen. Ich habe - glaube ich - den kompletten Radklamottenschrank eingepackt, abgesehen von den ganz dicken Wintersachen. Fahrräder auf Vordermann gebracht, alles kontrolliert, noch mal gefettet. Andrea entschied sich, neben ihrem Trek-Rennrad mit Schlauchreifen auch noch das Cannondale mitzunehmen. Am Freitag ganz normal zur Arbeit, nachmittags dann nach Hause, den Rest packen und dann ging es mit Werner Richtung Eifel.

Wir kamen so gegen 18:30 Uhr an, zu dem Zeitpunkt hatten die fleißigen Helfer schon alle Zelte aufgebaut. Joachim Herrmann, der wie wir mit den Altfrid-Fightern mitfuhr, hatte besonders tatkräftig mit angepackt. Wir kamen also ins gemachte Nest und machten uns daran, unsere Unterkunft zu richten: Der Lieferwagen wurde mit der aufblasbaren Matratze ausgelegt, Anziehsachen rauslegen, Regensachen zur Seite legen und so weiter. Dann kamen wir im Lager zusammen, die Lagerregeln wurde besprochen, der Grill angefeuert.

Darauf folgte ein gemütlicher Abend, wir konnten ein paar der anderen Fahrer und Helfer (und -innen) kennen lernen und gemeinsam im Essenszelt vom leckeren Buffet essen, bei dem viele verschiedene Salate, frisches Brot von Backbord, Dips und vieles mehr aufgebaut waren. So gegen 22:00 Uhr verzogen wir uns dann zum Schlafen, was an dem unbekannten Ort (im Lieferwagen...) gar nicht so einfach war.

Am nächsten Morgen gegen 7:00 Uhr gab es frischen Kaffee, von Werner höchstpersönlich zur Perfektion gebrüht, und ein umfangreiches Frühstücksbuffet mit allem, was das Radlerherz begehrte. Wir gingen am späten Vormittag zur offiziellen Fahrereinweisung an der großen Zentralbühne, wo uns nochmal alle Regeln erläutert, alle Orte aufgezeigt und vor allem die direkt an der Strecke campierenden eingenordet wurden - kein Laufen auf der Strecke, ausreichende Abstände etc. wurden äußert eindringlich mitgeteilt - es ging schließlich um die Sicherheit aller Teilnehmer.

Sehr schön war, dass wir uns alle nicht einzeln anmelden mussten, wir bekamen unsere Unterlagen und Beutel mit den "Goodies" sowie die in den Sattelnummern integrierten Transponder gesammelt vom Team der Altfrid-Fighter. Die Zeit, alles zu richten, Transponder anbringen, Räder checken etc., lief uns dann aber irgendwie davon, so dass die anderen schon auf dem Weg zum Startblock waren, als wir losfuhren.

RadAmRing Morgens

Im frühen Sonnenlicht

Ein paar hundert Meter auf der Strecke Richtung Startblock dann ein Riesen-Knall... Anni's Schlauchreifen vom Hinterrad hatte schlagartig Luft verloren. Vor lauter Schreck wollte Anni gar nicht weiterfahren. Ich brauchte alle Überredungskunst, damit sie mit mir und dem platten Hinterrad durch den Irrgarten der Camper und Zelte fuhr, denn glücklicherweise hatten wir noch ein Ersatzrad für Sie dabei. Altes Rad rein in den Lieferwaren, neues Rad raus, aufpumpen, beim Werkstattzelt von den Altfrid-Helfern den Transponder wechseln lassen und fragen, ob es eine Abkürzung zum Start gibt... gab's aber nicht. Also wieder auf die Strecke... wir schafften es rechtzeitig zum Ziel, auch wenn wir uns nicht zu den Erstfahrern durch die Menschen durchkämpfen konnten. Puls 200, noch bevor das Signal zum Start gegeben war! Wir waren ganz schön durch den Wind, unbekannte Strecke, alles schief gegangen... das kann nichts Gutes werden. Werner hat uns dann noch am Rand der Strecke erspäht und uns gut zugeredet. Dann ging es los, und die Konzentration richtete sich voll auf die anderen Mitfahrer (noch war es richtig voll auf der Strecke) und die Strecke. Direkt nach dem Start kam eine enge Kurve, die Fahrt durchs Fahrerlager und dann eine kleine Abfahrt, bevor es dann an die "richtigen" Abfahrten ging.

RadAmRing AbfahrenMachtSpaß

Was soll ich sagen? Die Strecke war phantastisch. Die Menge an Radlern hatte sich schnell auf dem Kurs verteilt, Platz war auf dem überall mehr als 10 Meter breiten perfekten Asphalt mehr als genug, so dass wir uns auch auf den Abfahrten nicht bedrängt fühlten. So tasteten wir uns langsam vor, mit jeder Runde stieg die Zuversicht und das breite Lächeln auf dem Gesicht.

Auf der Fuchsröhre konnte man Top-Geschwindigkeiten von über 100 km/h (mein Top war 106,4 km/h) erreichen und rollte fast die ganze Gegensteigung hoch. Es gab eine langgezogene Doppel-S-Abfahrt, die durchaus Konzentration erforderte, da sie jeweils in relativ engen Kurven endete. Das Speed-Gefühl war hier tatsächlich unnachahmlich gut.

RadAmRing TopSpeed

Die schwerste Steigung, die "Hohe Acht", bot über eine Strecke von gut 3km einen Anstieg, der kurz vor dem Ende mit 18% Steigung aufwartete, ein Stück, das viele zu Fuss am Rand entlang gingen. Die ersten paar Male gingen ja noch... spätestens nach der siebten Runde war ich aber heilfroh, dass oben am Scheitelpunkt eine Pausenstation auf mich wartete, die auch ausgiebig genutzt wurde. Gels und Isogetränke kamen mir nachher zu den Ohren heraus.

RadAmRing HoheAcht

Ich hatte befürchtet, dass die Strecke bei der andauernden Wiederholung langweilig würde, aber das Gegenteil war der Fall. Ständig versuchte ich, noch ein wenig besser in die Abfahrten reinzugehen ("das S muss doch auch ohne zu Bremsen gehen...") und auch der Kampf mit den Kletterpassagen wurde zunehmend schwerer. Beim ersten Mal noch mit zweistellig den Hügel raufgekämpft, wurde es zum Schluss eher ein "Nein, nicht absteigen, Du fällst auch bei 5 km/h nicht um, dranbleiben!"

RadAmRing HoheAchtImWiegetritt

Die Dämmerung bot bei dem schönen Wetter dann tolle Bilder, so dass ich auch mal am Rand kurz anhielt, um Fotos zu machen.

RadAmRing Dämmerung

Die Nacht dann wurde auch richtig spannend, viel weniger Fahrer auf der Strecke, es gab kaum jemandem, bei dem man Windschatten angeln konnte, dafür um so deutlicher nahm man die Cracks war, die mich Otto-Normal-Radfahrer Runde um Runde mit Top-Speed überholten, oft so laut keuchend, das mir Bilder von Tony Martin beim Zeitfahren in den Kopf kamen. Die Strecke konnte man in der Dunkelheit manchmal gar nicht sehen, hatte man sich aber gut eingeprägt während der Tagstunden. Eine gute Lampe war trotzdem Gold wert.

RadAmRing FlyingInTheNight

In der Nacht war man so wesentlich mehr mit sich allein, wie eingepackt in schwarze Watte. Mein Ziel war es, möglichst 24 Stunden im Sattel zu bleiben. Am Ende machte ich zwei Pausen von gut 30 Minuten, die ich mich naßgeschwitzt und total erschöpft hinlegte, wir einen Wecker stellte und dann auch wieder aufstand und weiterfuhr. Nachts war es so kühl, dass ich über die naßgeschwitzen Klamotten noch die Regenjacke überzog. Eingangs habe ich ja geschrieben, dass ich fast den ganzen Sommer-Radklamotten-Schrank eingepackt hatte. Ich habe mit dann auch beim Nachfüllen der Trinkflaschen insgesamt drei Mal mit trockenen Sachen ausgestattet, die mindestens 10 Liter, die ich unterwegs getrunken hatte, waren allesamt ausgeschwitzt worden.

RadAmRing Sonnenaufgang

Sonnenaufgang

Als dann die Morgenstunden und damit die Frühstückszeit kam, war ich heilfroh, eine längere Essenspause machen zu können. Das Andrea mich dann begleitete, ich sollte wohl eher sagen, die Hügel raufzog, fand' ich umso schöner. Jetzt konnte sie das Fahren richtig genießen und musste ganz schön aufpassen, mich nicht aus dem Rückspiegel zu verlieren... Auf der letzten Runde dann doch noch ein Malheur: Anni hatte einen fiesen Kettenklemmer am vorderen Umwerfer, den ich nicht behoben bekam. Doch wie der Zufall wollte, kam unser Retter in der Not vorbei! Waska, der mit Christian angereist war, hielt an und bekam mit einem kräftigen Tritt die Kette wieder lose. Der Umwerfer funktionierte zwar nicht mehr, Anni konnte aber die letzte Runde auf dem kleinen Blatt zu Ende fahren. So tuckerten wir sie ins Ziel, ich war um die Marscherleichterung nicht böse. Am Ende standen bei ihr 7 und bei mir 13 Runden auf dem Tacho, wir waren beide zufrieden und glücklich mit dem Ergebnis.

RadAmRing AnniZieht

Unserem Vereinskollegen Joachim Herrmann begegneten wir unterwegs nur einmal, denn er fuhr dieses Mal im Vierer-Team mit anderen Altfrid-Fightern, währenddessen wir ja Einzelfahrer waren. Er fuhr an einer Steigung fröhlich an uns vorüber, während wir wohl eher schlichen. Er meinte nachher: "Hallo Jürgen Fotos habe ich leider nicht. Ich bin neun Runden gefahren die Rundenzeiten lagen zwischen 48 und 55 Minuten." Er war mit einem der Jugendlichen vom Förderkorb eine Runde gefahren, was ihn doch sehr beeindruckt hat.

Das nicht nur Christian und Waska, sondern auch Nathalie und ihr Freund Michael uns besuchten, hat uns sehr gefreut.

Wir duschten uns und hätten so beinahe ganz die Zieldurchfahrt verpasst - sämtliche Altfrid-Fighter führen gemeinsam auf ihren Rädern durchs Ziel, winkend und bejubelt vom Publikum - ein toller Anblick!

Im Fahrerlager dann gab es noch ein letztes "Get-Together", bei dem die besten Fahrer mit den meisten Runden, die Gesamtkilometer, Gesamthöhenmeter usw. vorgestellt wurden. Es gab viele Danksagungen, einige Medaillen für die Helfer, Werner hat für seinen Einsatz mit den Jugendlichen sogar eine hölzerne Trophäe in Form eines Rades bekommen. Ihm ist es zu verdanken, dass teils völlig radunerfahrene Jugendliche motiviert wurden, eine oder gar mehrere Runden auf dem Ring zu fahren - sehr gut gemacht, Werner! Der Einsatz der Helfer gipfelte in der Frage, ob auch wirklich jeder, der viel gefahren war, jemanden hatte, der ihn nach Hause fuhr... ansonsten hätte man auch die Rückfahrt organisiert. Toll!

Ein ganz großes Dankeschön geht an Werner, der uns im Lieferwagen dann nach Hause kutschiert hat. Das hätte ich wirklich nicht mehr geschafft. Ich glaube, ich habe es wachen Auges nicht mal mehr bis auf die Autobahn geschafft...

Ein weiteres großes Dankeschön geht an die Altfrid-Fighter und den Förderkorb Gelsenkirchen, die es durch Ihre Hilfe geschafft haben, das wir uns in der Gruppe bei diesem für uns aufregenden Erlebnis gut aufgehoben gefühlt haben.

Alles in allem war es ein tolles Erlebnis mit vielen netten, entspannten Menschen, und das noch für einen guten Zweck! In einigen Wochen werden wir erfahren, wie viele Spenden zusammengekommen sind, bestimmt wird es dann noch einen kurzen Bericht mit der Übergabe geben.