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Abenteuer Ötztal-Marathon

Am 27.8. fuhren Dirk Tombrink und ich mit mehr als 4000 anderen beim Ötztaler Radmarathon mit. Weil es mir so gut gefallen hat, wollte ich Euch gern davon berichten... und es sind doch viele Worte geworden, also, wenn ihr mögt, nehmt euch ein wenig Zeit und vielleicht kann ich euch ein wenig mit auf die Reise nehmen...

Ein Startplatz beim Ötzi!

Der Ötztaler. Natürlich hatten mir schon viele von dem Rennen in den Alpen berichtet, dem härtesten, das es geben solle. Dirk und Werner, mit denen wir schon Radurlaub auf Mallorca gemacht hatten, waren auch schon dort gewesen und hatten von ihren Abenteuern berichtet. Von unglaublich schlechtem Wetter, Eiseskälte und harten Bedingungen erzählt. Also hatten auch wir, meine Frau Anni und ich, uns dort angemeldet.

Eigentlich bin ich als 90kg-Mann für Bergiges gar nicht gut "ausgelegt", weiß der Teufel, warum mir gerade das Bergauf-Fahren solchen Spaß macht. Vielleicht, weil ich schon als Kind immer mit meinen Eltern in den Bergen wandern war und diese Freude auch im Urlaub mit meiner Frau teilen konnte.

Leider hatte es bei der Anmeldung nicht geklappt, wir bekamen keine Startplätze. Erst mein Vereinskamerad Christian konnte mir einen Bekannten nennen, der einen Startplatz abgeben wollte. Der Winter war ohne Krankheit gegangen, ich fühlte mich ganz gut, rief an, und der Startplatzübergang wurde fix gemacht. Da hatte ich ihn auf einmal, den Startplatz beim Ötzi. 238 Kilometer und 5500 Höhenmeter. Und ich war noch keinen einzigen alpinen Bergpass gefahren.

Anni war leider im Frühjahr ziemlich krank geworden und wollte dann keinen Startplatz mehr. Trotzdem wollten Sie und unsere Nichte Sabrina mit in die Berge. Dirk und Angela besorgten uns Zimmer in Sölden, und das Datum rückte immer näher. Wir fuhren einige RTFs, und in den letzten Wochen beeindruckte mich mein Kumpel Dirk mit einer beispiellosen Gewichtsreduktion. Ich glaube, er muß 10 bis 15kg abtrainiert haben, mir sind da bloß 3kg während der Radsaison gelungen. Hut ab! Die ganzen Kilos müssen schließlich den Berg raufgefahren werden, bei unserem Bergzeitfahren hatte ich ja gesehen, wie anstrengend das sein kann.

Dann unser Abreisetag, wir hatten uns 10 Tage in Sölden eingemietet, eine Woche wollte ich in den Bergen trainieren, dann das Rennen fahren und einen Tag zu Ausruhen vor der Rückreise haben. Als wir nach 13 Stunden Fahrt mit dem LKW, zu dritt im Führerhaus eingezwängt, die Räder und Koffer hinten auf der Ladefläche, endlich in Sölden ankamen, goss es in Strömen. Tolle Aussichten! Es war eiskalt, der Fluß durch den Ort eine reißende Bestie geworden, dass man kaum sein eigenes Wort auf der Brücke verstehen konnte. Egal, zum Fahren waren wir eh' zu kaputt nach der Fahrt, also ab ins Hotel, Kleider und Räder unterbringen und etwas Essen gehen.

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Die ersten alpinen Bergfahrten... Timmelsjoch

Die nächsten Tage wurden viel besser. Am nächsten Morgen schien die Sonne, zwar war der Asphalt noch nass und es war kalt, aber nach dem frühen Frühstück hielt mich nichts mehr, ich musste schon mal das Rad antesten. Gegen Mittag hatte ich mich mit Anni und Sabrina für das Timmelsjoch verabredet, irgendwo auf GPSies hatte ich schnell eine Strecke von 38km rausgesucht, das musste doch wohl zu schaffen sein. Davor wollte ich mal schauen, wie wohl das erste Stück des Weges zum Rettenbachferner aussah. Die Sonne war gerade richtig rausgekommen, die Wiesen glänzten grün, der Himmel leuchtete blau, und ich hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht, als ich Richtung Ortsausgang fuhr. Kurz nach der Seilbahnstation ging es schon brutal bergauf, mit 10% Steigung an der Feuerwehr vorbei, rechts ab Richtung Rettenbachgletscher. Weste und Armlinge hatte ich mir schon nach der ersten Kehre vom Leib gerissen, Kopftuch folgte nach der dritten Kehre, und die Serpentinen hielten ihr Versprechen: kein Plateau, keine Steigung unter 10%, eher so Richtung 13% ging es die ganze Zeit. Mit gemächlichen 10km/h zwirbelte ich die Kurven nach oben, genoß die immer wieder neuen Ausblicke ins Tal, die kleiner werdenden Häuser und Höfe. Anderthalb Stunden hatte ich bis zu meiner Verabredung, eine Stunde rauf, eine halbe runter, dachte ich, und kam bis zur Mautstation bei gut 2000m. Wow! Was für Anstiege! Ich war komplett naßgeschwitzt und durch, drehte um und machte mich daran, meine absolut mageren Abfahrtserfahrungen aufzubessern. Da ich fast allein auf der Straße war, die zudem frei von Schlaglöchern, Rillen oder ähnlichem Ruhrgebietszeug war, machte es richtig Spaß! So war ich auf den Punkt zurück im Tal, um mit Sabrina und Anni zum Timmelsjoch zu fahren.

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Mittlerweile war es ja Mittag, der Verkehr stärker geworden, und wir kurbelten auf dem Weg nach Ober- und Hochgurgl Richtung Timmelsjoch. Den Beiden Frauen gefiel es so gut wie mir, Sabrina hatte, da sie fast gar nicht Rad gefahren war in den Wochen und Monaten vorher, ganz gut zu kämpfen. Auf der Mitte des von mir rausgesuchten Rundkurses bei GPSies mit dem Titel "Timmelsjoch" waren wir aber erst bei der Mautstation angekommen. Sollte das schon die Spitze sein? Nein, die Station war doch bei 2200m, das Timmelsjoch doch bei 2509m? Ich schaute auf mein Navi, die GPSies-Strecke, den weiteren Verlauf, da wurde mir klar: Die Strecke ging halt nur bis zur Mautstation. Bis zum Timmelsjoch war es noch. Also Sabrina und Anni reinen Wein eingeschenkt und die bange Frage gestellt: "Wollt ihr das noch fahren, oder sollen wir umkehren?" Wie weit noch? Weiß nicht genau, vielleicht 5-6km und 300hm? Sabrina war schon ordentlich durch, aber genau wie Anni von den Bergen tüchtig "angefixt". "Ich versuch's, aber mein Tempo, und ich halte an, wenn ich nicht mehr kann und mache Pause." Wir waren einverstanden und fuhren durch die Mautstation, ein tolles Gebäude mit Holzverkleidung, das auch das Motorradmuseum beherbergte, hindurch. Die Landschaft wurde karger, es wurde kälter, Schafe und Kühe standen am Straßenrand und direkt auf der Straße, und wir verbrachten die nächste Stunde damit, uns - Kehre um Kehre, Pause um Pause - das Timmelsjoch hinaufzuarbeiten. Dann: die Baumgrenze. Nur noch Stein. Rauschende Bergbäche. Ein Wahnsinn! Sabrina gab das Tempo vor, wir folgten, und kamen irgendwann oben an. Der Blick ging ins Tal auf der anderen Seite, gefühlte hunderte Kilometer weit. Ein wunderschöner Anblick an diesem tollen Tag. Wir machten stolz ein Foto am Pass-Schild und gingen dann fröstelnd (ob der durchgeschwitzten Klamotten und des kühlen Windes) in die Gipfelhütte, etwas heißes Trinken und ein Stück Kuchen essen.

Auf dem Rückweg dann Weste und Armlinge wieder an und ab in die Abfahrt gestürzt. Toll! Enge Kehren, Schafe, Kühe, Bäche, Berge, Täler rechts und links rauschten wir runter. Nach den Kehren eine lange Gerade. Laufen lassen! Wow, so schnell war ich noch nie. Die Zähne klapperten, ich hoffe nur wegen der Kälte. Dann der Gegenanstieg zur Mautstation, von dem mir Dirk erzählt hatte: "Du bist den Timmel runter, denkst, Du hast es, da kommt noch dieser Anstieg. Du bist total im Eimer, irgendwer hat Dir Beton in die Beinlinge gegossen, aber da musst Du noch rauf. Wenn Du dann bei der Mautstation bist, weisst Du: Jetzt hast Du es geschafft!" Und richtig, der Gegenanstieg setzte uns so schwer zu, wie gedacht. Nicht lang, nicht hoch, aber Du hast halt gedacht, Du hättest alles schon hinter Dir. Dann die Mautstation, und eine rauschende Abfahrt zurück nach Sölden, durch Kehren, Tunnel, ordentlich Speed auf dem Tacho, eine tolle Belohnung. Unser erster Alpenpass! Mein erstes kleines Stückchen vom Ötzi! Wir waren glücklich, aber auch total erschöpft, vor allem Sabrina, die weit über die Vernunft gefahren war und wieder mal trotz fehlendem Training grandiosen Biss gezeigt hatte. Duschen, Essen, erschöpft ins Bett, am nächsten Tag ausschlafen.

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Der Rettenbachferner

Für die anderen jedenfalls, die an dem Tag nicht radeln, sondern laufen wollten. Ich hatte den Rettenbachgletscher ja nicht zuende gebracht! Das ging natürlich nicht. Also früh raus, früh gefrühstückt und angezogen und im Licht der aufgehenden Sonne wieder rauf auf die Ötztaler Bergstraße. Die erste Stunde bis zur Mautstation kannte ich ja schon, wie es wohl weiter gehen würde? Die Beine waren vom Vortag schon recht schwer, aber die Neugier war zu groß. An der Mautstation hab' ich noch nett gefragt, ob ich als Radler was zahlen müsste (ich war der Einzige da oben, kein Motorrad, kein Auto, nichts!), die Dame im Häuschen muss sich über mich gewundert haben, winkte mich aber freundlich durch. Ein winziges Flachstück, dann ging es weiter bergauf, diesmal nicht in Kehren sondern durch ein langes, gerades, aber nicht minder über 10% steigendes Tal. Ich keuchte, ich schwitzte, und die weiße Gletscherfläche oben an den Berggipfeln kam immer näher. Dann wieder Kehren, keine Bäume mehr, alles steinig und kahl. Irgendwann nicht mal mehr Moos und Gras. Immer kälter. Weiter rauf. Oben dann, die Bergstation. Aber die Straße ging weiter, also weiter rauf, die station war eh' eine einzige Baustelle und häßlich. Irgendwann dann unvermittelt ein asphaltierter, kleiner Platz inmitten der steinigen Einöde, darauf eine häßliche Metallkonstruktion (Skulptur konnte man echt nicht sagen), wenn dort nicht ein Schild mit der Aufschrift höchster mit dem Rennrad erreichbarer Punkt der Alpen" (oder so) gestanden hätte und es keine Sackgasse gewesen wäre, ich hätte es nicht geglaubt. Noch schnell ein Selfie gemacht, die Weste und die Regenjacke angezogen (nein, es regnete nicht, war aber nur 4°C und sehr windig) und zurück nach Sölden. Hier gab es keine Gegensteigung wie beim Timmelsjoch, also einfach laufen lassen! Wieder eine herrliche Abfahrt. Ich war froh, es geschafft zu haben und war richtig fertig. Die Beine brannten und waren schwer wie nie. Das war zwar kein Stück vom Ötzi, aber hey, das waren doch nur 38km Strecke gewesen! OK, von 1400 auf 2830 Höhenmeter, aber doch nur 38km? Wie sollte ich da die 238km des Ötzi überhaupt schaffen?

Im Tal berichtete ich von meinen Erlebnissen, da fragte mich Dirk "und, bist Du durch den Tunnel gefahren?" "Nö, da hatte ich keine Lust mehr zu, ich war doch schon ganz oben am höchsten Punkt." "Nein, da musst Du erst durch den Tunnel fahren, das war nicht der höchste Punkt!" Ich zeigte Dirk mein Selfie und er zog die Stirn kraus. Hmmm? Tatsächlich ging es irgendwann vor der Bergstation links Richtung Tiefenbachgletscher ab, wie sich später herausstellte, war der Tunnel über ein km lang und hieß Rosi-Mittermaier-Tunnel, der höchste Punkt auf dem Weg dort aber genau 2m unter meinem. Bestimmt haben sich die Bergstationbetreiber gedacht, "Das geht aber nicht, das die Tiefenbachgletscherer uns den Rang des höchsten Punktes der EU ablaufen, da setzen wir einen drauf" und haben die Straße ein Stück weiter hoch gebaut, bis sie 2m höher war als "nebenan" und dort dann das häßliche Metallgestellt mit dem Schild hingesetzt. Ts! Dirk und ich waren uns einig, da musste ich noch mal rauf, durch den Tunnel. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen.


Kühtai

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Ich wollte noch mehr Teile des Ötzis sehen, den Start mit der Abfahrt von Sälden nach Ötz, dann den Kühtai rauf, das war unser Ziel für den nächsten Tag. Leider wurde Sabrina krank, bekam Halsweh und Husten und musste ab das einige Tage das Bett hüten, also machten Anni und ich uns allein auf den Weg zum Kühtai. Runter nach Ötz waren es 30km durch kleine Orte hindurch, fast durchgehend leicht bergab (was uns auf dem Heimweg tüchtig quälen sollte), und so rollte es mit 35-45km/h gut die Hauptstraße durch's Tal runter. Dann der Abzweig zum Kühtai, der fast unvermittelt in eine heftige Steigung ging. Von Sölden (1400m) waren wir bis auf 800m abgestiegen, jetzt sollte es also bis auf 2020m Höhe gehen. Der Weg führte in herrlichen Serpentinen durch kleinste Dörfchen, durch Wald, Wiesen, mit immer wieder herrlichen Blicken ins Tal, die wir mit vielen Fotos festhielten. Sehr viele Abschnitte mit mehr als 8% und mehr als 10% Steigung, einer sollte sogar 18% haben, in der Nähe eines Plätzchens mit dem Namen "Ochsengarten", so etwa bei 12,5km des Aufstiegs. Das behielt ich aber für mich - Anni und ich hatten einen Mordsrespekt vor dieser Zahl. 18%! Unser Bergzeitfahren an der Halde konnte gerade mal mit maximal 13% aufwarten! Ob wir da überhaupt unser Vorderrad unten halten könnten? Wir fuhren und genossen, mal langsam, mal noch langsamer, den Weg hinauf, das Schild Ochsengarten kam, irgendwann ein zweites, und irgendwann zeigte mein Tacho, den ich unten am Beginn der Steigung genullt hatte, 14km. "Du Anni, ich glaube die 18% hast Du verpasst!" "Quatsch!" meinte sie, "kann nicht sein, die kommen bestimmt noch." "Doch, bestimmt, da bist Du einfach dran vorbei gefahren!" "Hast Du doch auch nicht bemerkt"... so zogen wir uns gegenseitig auf, bis zum ersten Zeichen des Örtchens Kühtai, eine großes metallenes Schild in Form einer Kuh mit dem Schriftzug Kühtai.

Ich fuhr noch ein Stückchen weiter. "Komm, ist noch ein kleines Stück!" "Ich fahr nicht mehr weiter, wir sind doch schon da!" "Nein, wir müssen doch noch zum Ortseingangsschild, das kommt noch." "Aber das war doch gerade da!" "Ja, aber es geht doch noch ein Stückchen hoch, wir sind noch nicht drüber!" "Nein, da fahr ich nicht mehr hin" "Ach komm..." So ging es hin und her, ich fuhr langsam weiter, und irgendwann folgte Anni doch noch. Kühtai war voller Baustellen, ach, was sage ich, eine einzige Baustelle! Potthässlich, überall Baulärm, Steinstaub, Dreck. 500m weiter eine passable Gaststätte mit Plätzen in der Sonne, dahinter das Ortseinigangsschild. Fotos von anderen Radlern gemacht und von uns machen lassen, dann endlich - Pause. Einkehr. Ein großer gespritzter Johann (ist kein gedopter Spitzensportler, sondern Johannisbeersaft mit Sprudel), dann noch einer, und wieder heim. Herrlich im Sonnenschein ins Tal. Wir machten immer wieder Halt, um die Aussicht zu genießen, Fotos zu machen oder einfach nur uns zu freuen.

Unten in Ötz angekommen wieder auf die Hauptstrasse mit viel Verkehr, die 30km nach Sölden 600 Höhenmeter rauf hatte uns schon Dirk gewarnt "Das ist länger als du denkst und zieht sich ganz schön." Tat es. Der viele Verkehr machte den Weg nicht schöner zu fahren, kaputt vom Kühtai quälten wir uns rauf, machten noch mal bei der nächsten Getränkemöglichkeit kurze Pause und kamen endlich wieder in Sölden an - geschafft! Mein nächstes Stückchen Ötzi!

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Vent

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nach zwei Trainingstagen eine Pause zu machen, aber das Wetter war einfach zu verlockend, wir hatten wirklich Glück. Ich wollte das Timmelsjoch auch unbedingt von der italienischen Seite aus angehen, Jörg hatte gemeint "das ist viel schwerer", und das war ja auch das letzte Stück des Original-Ötzi und für mich von Sölden aus erreichbar, aber nach den drei Tagen Radeln war ich tüchtig müde. Also schlossen wir uns Dirk an, der zum Vent fahren wollte, der auch so 2000m hoch sein musste, nicht ganz so schwer zu fahren und nicht so viele Höhenmeter, "Die Beine locker machen" meinte er. Die Fahrt zum Vent war trotz der nun richtig schweren Beine auch richtig schön, auch wenn es ein wenig tröpfelte, hatten wir unseren Spaß. In Vent angekommen, wollte ich noch zur Geierwalli-Alm, Schauplatz des berühmten Spielfilms (nie gesehen, aber den Titel gehört). Dirk meinte "das ist aber noch ein Stück bergauf". Ich schaute auf die Karte und wollte die anderen überreden: "schau doch mal, ist quasi auf einer Höhenlinie, das kann nicht mehr viel sein." Also fuhren die beiden noch ein Stück mit, es ging noch ganz gut bergauf... "Ja klar, auf einer Höhenlinie" zog Dirk mich auf. Dann das letzte Stück, die Geierwalli-Alm in Sicht, noch steiler rauf. "Da kannst Du allein hinfahren, wir fahren langsam zurück". Wir waren echt kaputt. Ich bin dann noch zur Alm, ein Foto oder zwei, ein Blick in die Schlucht, an dessen Wände interessanterweise die Bäume steil hochwuchsen, dann wieder zurück, den Rückweg mit Anni und Dirk bestreiten und im Tal den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.


Pause oder Italien?

Abends grübelte ich. Was sollte ich noch fahren? Eigentlich wollte ich den Timmel noch von Italien aus angehen, aber so viel? Einfach nur locker ein paar Kilometer die Beine lüften? Oder war das dann zuviel? Die beiden Dinger gehörten eh schon nicht mehr zu mir. Und vor dem Rennen wollte ich mindestens zwei Tage gar nicht fahren, sondern ausruhen. Morgens dann beim Frühstück trafen wir Dirk und Angela, und ich erzählte Ihnen von meiner Grübelei "vielleicht die 15km nach Längenfeld runter und dann bis nach Gries rauf? Warst Du da schon mal? Oder mit dem Auto zur Mautstation Timmelsjoch, auf Deutscher Seite parken, mit dem Rad nach Italien und die Originalstrecke wieder zurück? Aber ist das nicht ein bißchen viel?" "Das ist eine gute Idee!" meinte Dirk, "Dann siehst Du, wie der finale Aufstieg zum Timmelsjoch aussieht, fährst bis nach San Leonardo runter, dann wieder rauf. Wenn Deine Beine das mitmachen und Du Dich gut fühlst!" Ja, wenn... keine Ahnung. Aber sein spontanes "Gute Idee" hat mir dann den Schubs gegeben, also schnell angezogen, Flaschen gefüllt, Riegel vergessen, rauf mit dem Rad auf den LKW und ab zur Mautstation Timmelsjoch. Da das Rad rausgeholt (Ich kam mir fast wie ein Betrüger vor, schließlich hatte ich die Höhenmeter rauf ja geschwänzt) und noch die am ersten Tag gefahrene Strecke zum Timmelsjoch rauf. Oben angekommen gleich weiter, nach Italien. Und was war das für eine Abfahrt! Mir fällt da nur ein Wort ein: geil! 28km durch tollste Serpentinen bergab, nicht ein Mal treten nötig, nur rollen, rollen, rollen... und genießen. Herrlich! Bestes Wetter, Sonnenschein, blauer Himmel, was war ich gesegnet!
Dann stand ich unten, in San Leonard. Von 2509 auf 750m. Unten im Tal: entspannte 35°C in der Sonne. Ich blickte auf meine Winter-Beinlinge (keine Lust, auszuziehen, und wohin damit, hinten hatte ich schon die Regenjacke (!) im Trikot), rollte die Winter-Armlinge runter, Weste auf, Trikot auf. Mal wieder falsch angezogen, wie so oft. Egal, die Flaschen waren noch voll, rauf auf den Timmel! Was für ein Aufstieg! 8%, 10%, 11%, 13%... irgendwann schaltete ich die Anzeige meines Tachos um. Waren jetzt eh nicht mehr als 8-10km/h. Immer weiter, durch die glühende Sonne, jedes Schattenstückchen der nächsten Kehre als Ziel, und noch eine, und noch eine, und noch eine... Dann nach 14km endlich fast ebene Strecke, Speed aufnehmen, da vorne ist einer, den krieg ich! Hab ihn dahn noch einen Kilometer bis zur Gaststätte in Schönau verfolgt und mich artig für den Windschatten bedankt, bevor ich dort meine Flaschen wieder voll machte, denn die waren mittlerweile im Vakuum.

DSC 1902 SmallDas letzte Stück. Sind nur noch 10km bergauf, ist doch gar nicht so viel! Blödsinn, das sind Ewigkeiten. "Das schaffst Du nie!" dachte ich immer wieder, "wenn Du am Beginn dieses Passes in San Leonardo schon 175km hinter dir hast, schon alle bist, dann noch hier rauf? Nie im Leben!" Irgendwann endlich oben an der Gipfelhütte, ich hatte zum Schluß jede Kehre für Fotos genutzt (ja, klar...), die man bei der Geschwindigkeit sowieso nicht im Fahren machen konnte...

Da zwei 0,5l Cola gestürzt und runter in die Abfahrt. Klappte immer besser, immer weniger mit Nachdenken, einfach fahren... Die Gegengerade... die Mautstation... Das Fahrrad zurück ins Auto und zurück in den Ort, bloß ab in die Dusche. Ich hatte so lang geschwitzt, das war echt nicht mehr schön. Die Dusche aber... göttlich. Jetzt zwei Tage faulenzen und hoffen, das die Beine sich erholen.

Endlich Pause...

Und die Zwei Tage Pause waren bitter nötig. Die Beine beschwerten sich ganz ordentlich, ich fragte mich, ob das nicht zu viel gewesen war. Eigentlich war ich ziemlich down, denn wo der Kühtai mich beflügelt hatte, hatte mich das Timmelsjoch wieder fest auf den Boden gestellt. "Das ist nicht zu schaffen" dachte ich. Da komm' ich im Leben nicht hoch. Egal, besser beim Versuch scheitern und alles gegeben, als nichts versucht. Ich nahm mir vor, die Abfahrt nach ötz zügig, aber ohne Risiko runterzufahren, den Kühtai mich zurückzunehmen um Körner zu sparen, dann nach Innsbruck Gas geben und zum Brenner eine Gruppe suchen, mit der ich gerade so mithalten könnte. Wenn ich es bis 12:45 nicht zum Brenner geschafft hätte, wäre ich sowieso aus dem Rennen raus, ab in den Besenwagen...

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Der Renntag - Start, Kühtai, Innsbruck, Brenner

Dann kam der Tag des Rennens. 4:30 aufstehen, dann direkt in voller Montur (also mit Radsachen) zum Hotelfrühstück, das für diesen Tag das Frühstück vorverlegt hatte. Selbst Spaghetti gab es dort, vorbildlicher Service. Hunger hatte ich gar keinen, am Abend vorher wollten wir in unsere Stamm-Pizzeria, recht früh diesmal, damit früh morgens schon Hunger da wäre... da haben wir dann gut zwei Stunden auf  Plätze und Essen gewartet, denn die gleiche Idee wie wir hatten noch 4000 andere Radfahrer... Mittlerweile war der Hunger so groß geworden, das ich mich glatt überfressen hatte, die zwei Schnitzel vom späten Abend lagen morgens jedenfalls immer noch wie ein wohlgeformter Gymnastikball in meinem Bauch. Egal, etwas Müsli noch oben drauf, zwei Kaffee und Rad fertig machen.

Das Rennen sollte um 6:45 Uhr beginnen, aber wir wollten deutlich vor 6:00 Uhr da sein, und fuhren in völliger Dunkelheit die Umgehungsstrasse (die Bundesstrasse war schon abgesperrt) durchs Dorf. Lampen? Überflüssiges Gewicht. Das sahen Hunderte andere Radler auf dieser Strasse übrigens auch so, also zog sich vom Hotel bis zum Start ein dunkler Geisterkorso schweigend durch die Nacht. An der Bundesstrasse dann warteten schon mindestens 1000 Radler, die noch früher als wir dort sein wollten... Da standen wir also alle zusammen, dick eingemummelt, in der morgentlichen Kälte, bei treibender Musik (wie passend: "Highway to hell"), Angehörige warteten auf den Start - ebenso wie Angela, Sabrina und Andrea, die uns kurz vor dem Start die dicken Jacken abnehmen und alles mitbekommen wollten. Hubschreiber kreisten über uns, zwei Heißluftballone wurden startbereit gemacht, die Spannung stieg. Kurz vor dem Start gaben Dirk und ich uns die Hand, verabredeten, das jeder für sich sein Tempo fahren würde, wir uns anrufen würden, falls was Schlimmes passiere, und wünschten uns viel Glück. Dann donnerte der Schuß aus eine Kanone und gab das Startsignal. Währenddessen die Beine schon zuckten, passierte aber erstmal gar nichts, bis wir uns ganz langsam abstoßen konnten, dauerte es noch ein paar Minuten, zu groß war der Tross der Radfahrer.

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Nach dem Start wurde es aber zügig sehr schnell. Auf der abschüssigen Bundesstrasse fuhr es sich super, das Gedränge war groß, irgendwann waren wir bei 70km/h, alles flog nur so an uns vorbei. Da der erste Krankenwagen, links auf den Bürgersteig ausweichen, wieder runter, weiter... in wenigen Minuten waren wir schon in Ötz, der Kreisverkehr und die Rampe zum Kühtai kannte ich ja schon. Ich war schon erleichtert, trotz des Gewusels bei dem Tempo heil dort angekommen zu sein. Sofort wurde das Tempo geringer, Armlinge runter, Weste, Trikot, alles auf, Rythmus finden... Der Morgen erstrahlte im schönsten Glanz, ab und zu machte ich ein Foto während der Fahrt mit meinem Handy, ich genoss die anstrengende Kurbelei, es floss gut. Herrliche Blicke ins Tal, der Blick war klar und weit, ein wunderbarer Morgen. Auch wenn sich die Menge ein wenig auseinander zog, wir waren immer noch zu Hunderten auf den Serpentinen, Italiener, Österreicher, Deutsche, Holländer, alle Namen waren vertreten. Dann kam schon die erste Labestation, ich trug ja immer noch meinen Gymnastikball bei mir, hatte vor Aufregung kaum etwas getrunken und fuhr geradewegs durch, ab nach Innsbruck!

Die Abfahrt war super asphaltiert, breit, abgesperrt, Platz satt, die Kurven sanft geschwungen, also klein gemacht auf dem Rad und ordentlich laufen lassen. Das machte Spaß! Nur einmal fuhr ein schnellerer Abfahrer so dicht an mir vorbei, das ich erschrak und ihm ein "Arschloch!" hinterher rief, das er wegen seiner Geschwindigkeit bestimmt nicht mehr gehört hat. Links und rechts waren 5 Meter Platz, warum musste er so dicht an mir vorbei? Egal, durchatmen, Gas geben.

Von Innsbruck habe ich kaum etwas mitbekommen, auch der Weg zum Brenner flog an mir vorbei, ich hatte eine Gruppe gefunden, bei der ich als Anhang gerade so mithalten konnte - ich wusste schließlich nicht, ob ich das Zeitlimit, bis zu dem ich am Brenner sein musste, überhaupt schaffen könnte (ich glaube 12:30 musste man dort sein). Dort angekommen stand auf einer großen digitalen Uhr "11:05". Ich war also anderthalb Stunden unter dem Zeitlimit! Der Fahrtwind muss mir in dem Moment wohl eine kleine Träne aus dem Auge gedrückt haben, so habe ich mich gefreut. Platz für mein Rad war an der Labestation keiner, also einfach so auf den Asphalt gelegt, Trinkflaschen nachfüllen, erstes Stückchen Kuchen essen, zwei Becher Pepsi stürzen, dreimal strecken und wieder rauf auf den Gaul...

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Jaufenpass

40 Minuten später kam ich in Gasteig an, wo der Aufstieg zum Jaufenpass wartete. Den hatte ich bei meinen Trainingsrunden noch nicht kennengelernt. Nach dem Kühtai war der Jaufenpass die nächste ernstzunehmende Kletterpartie. Ich fand, die hatte es ganz schön in sich, sie war in etwa mit so vielen Höhenmetern wie Kühtai ausgestattet (1130hm), die sich aber auf gut 22km zogen. Der Aufstieg ging noch ganz gut, aber ich merkte so langsam die Kilometer, die ich hinter mich gebracht hatte. Die Landschaft hier war richtig herrlich, es war sehr sommerlich (über 30°C), das Gras leuchtete noch in kräftigem Grün, die kleinen Ortschaften wurden kleiner und kleiner, je höher ich kurbelte. Endlich war die Labestation in Sicht. Puh!

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Mein Rad eingehängt blickte ich hoch, ganz oben waren wir noch nicht, bis zum eigentlichen Pass war es noch eine nette Steigung mit mehreren Kehren... Deutlich kühler war es hier oben, mittlerweile hatte der Himmel sich auch schon zugezogen, das schöne Blau war verflogen, am Nachmittag sollte es ja auch Regen geben. Auf dem letzten Stück hatte ich schon deutlich mehr erschöpfte Gesichter gesehen, einige machten im Schatten kleine Pausen, bevor sie weiterfuhren, andere gingen sogar zu Fuß ein Stück. Ich stärkte mich und gönnte mir ein paar Minuten mehr, bevor es den Rest der Auffahrt weiter hoch ging. Oben, vor der Abfahrt, dann die Regenjacke über die Weste, alles gut verpacken, das Halstuch bis unter die Augen gezogen und ab dafür! In weniger als einer halben Stunde hatte ich San Leonardo erreicht, wo es immer noch drückend warm war. Also wieder alles ausziehen und in den Trikottaschen verstauen...

Timmelsjoch (von Italien) Teil 1

Hier hatte ich schon bei meiner letzten Trainingstour gestanden und mich gefragt, wie es wohl sein würde, nach 175km Fahrt, solch einen Aufstieg vor der Brust zu haben. Mein Blick ging nach oben Richtung Timmelsjoch... 30km mit fast 1800 Höhenmetern, viele davon mit mehr als 10%... brutal. Zum Glück gibt auf der Mitte der Strecke den Gasthof Schönau mit der Labestation, da ist ein Flachstück, bei dem man sich nochmal etwas erholen kann.

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Was soll ich sagen? Es war so brutal, wie gedacht. Die Beine brannten, mehr als 10 km/h wollten sich auf meinem Tachometer nicht zeigen. Das die Blicke ins Tal wunderschön waren, lenkte nur manchmal ab. Immer mehr zu Fuß gehende Radfahrer säumten die Strecke, hie und da in Goldfolie eingewickelte Fahrer, die total erschöpft und von Sanitätern betreut auf dem Boden saßen oder lagen. Wenn mein Tacho dann an besonders steilen Stücken nur noch die 6 vorne hatte, sagte ich zu mir "egal, immer noch schneller als zu Fuß". Irgendwas muss man sich ja einreden. Endlich kam der Gasthof Schönau in Sicht. Pause! Cola, ein Stückchen Kuchen, vor allem mal auf einen Blumenkübel setzen und etwas ausruhen. Ich wusste, jetzt kam erst mal ein Flachstück, da wollte ich ein klein wenig Boden gut machen, und danach die pure Freude: lauter Kehren mit 12 bis 14% Steigung, gnadenlos, bis zum Tunnel, der das vorläufige Ende des Kletterns einläutete. Also das Rad gesattelt, ein zuversichtliches Grinsen aufgesetzt, raus aus dem Sattel. Meine Mitfahrer tuckerten gemütlich um die 20km/h vor sich hin, aber ich musste ja "was aufholen". So fuhr ich das gut 4km lange Flachstück mit ca. 35km/h, überholte einige, wohl wissend, dass wir uns bald wieder sehen würden...

sportograf 106884632 SmallTimmelsjoch Teil 2

Dann kamen sie, die gefürchteten engen Kehren, das Schlüss-Stück zum Tunnel. Fühlte sich an, als ob man jeden Moment vom Rad fallen müsste. Was hätte ich da für mein anderes Rad mit 32 Zähnen gegeben, damit kann man sogar nur 4km/h fahren, ohne vom Sattel zu kippen. So mussten es mindestens 6 sein. Mein innerer Schweinehund wollte verhandeln. OK, also gut, Du hast gewonnen, immer nach 2km eine Minipause und ein Foto, mehr nicht! Das hat zwei Mal geklappt, dann wurden aus den 2km nur 1km vor jedem kurzen Absteigen, begleitet von andauernden inneren Diskussionen, ob man nicht schon nach 500m...? Nein! Klappe! Da... der Tunneleingang! Jaaaaa! Ein innerer Jubelschrei, für nach Außen hat's nicht gereicht. Trikot zumachen, Weste anziehen (hmmmm... lecker... schön saftig) und Regenjacke drüber. Reisverschluß bis ganz nach oben. Halstuch über die Nase. Und rein in den nasskalten, tropfenden Tunnel, den Erlöser vom Endlosaufstieg, den Verkünder der Gipfelhütte!

Mehr als 20km/h waren trotz der nahezu ebenen Strecke bis zum Gipfel des Timmelsjochs nicht drin, war ja auch nicht mehr so lang, gut 2km oder so. Es fing an zu regnen, und zwar ganz schön kräftig. Mir egal. Ich hatte ja die Regenjacke an, innen war's warm, rein in die Abfahrt. Eigentlich war ich froh, das es heftiger regnete, nur wenige Tropfen hätten in Verbindung mit dem Staub der letzten trockenen Tage die Abfahrt schmierig gemacht, so griff der Asphalt, Spurrillen gab es keine, also Attacke! Bloß mit dem Halstuch über Mund und Nase ging nicht mehr, das war so naß, da ging keine Luft zum Atmen mehr durch. Jetzt beflügelte mich das nahende Ende, nur noch die Abfahrt, dann der kurze Gegenanstieg, dann runter ins Tal und... ich traute mich noch nicht, daran zu denken. "Der kleine Gegenanstieg kann einen nochmal so richtig ärgern", hatte Dirk mir gesagt, "aber danach hasst Du es geschafft!"

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Timmelsjoch Mautstation

Die letzte gerade Abfahrt vor dem Gegenanstieg ist fast gerade, ideal, um mal richtig Speed zu bekommen und ein paar Höhenmeter bergauf zu sparen. Also dicksten Gang rein, großes Blatt, volle Pulle! Später verriet mir mein Tacho, das ich da wohl fast 108km/h geschafft hatte, hätte ich nie gedacht. Hier hab' ich also nochmal richtig zu treten, damit mir der Gegenanstieg doch nochmal ein fettes "Ätschebätsch!" entgegenschleudern konnte. Mehr als 8km/h waren nicht drin, trotz der gar nicht so schlimmen Steigung. Die ich bei der Abfahrt überholt hatten, fuhren hier wieder an mir vorbei. Da! Die Mautstation! Jetzt hab' ich es geschafft! Vor lauter Erleichterung musste ich mich selbst auch erstmal erleichtern und versteckte mich hinter großen Gabionen und Steinen, den Blick ins Tal wollte ein Teil der 4 Liter, die ich unterwegs getrunken hatte, doch wieder raus. Grund zum Blumen gießen gab es eigentlich keinen, mangels Blumen und wegen des immer noch kräftigen Regens. Ich prüfte die Luft in meinen Laufrädern und die Bremsen ein letztes Mal, da, die vordere schliff, warum das denn jetzt? Ich muss wohl ratlos ausgesehen haben, jedenfalls kam ein junger Bursche aus einem an der Seite stehenden Lieferwagen zu mir und fragte nett, ob er mir helfen könnte? "Ach, Bremse schleift nur, keine Ahnung warum, ich mach das Ding einfach auf, dann geht's schon." Irgendwas Österreichisches bekam ich noch zur Antwort, verstand es erst nicht, sagte trotzdem nett "Danke" und ab durch die Mautstation in den Abstieg, jetzt nochmal richtig den Hammer kreisen lassen, den letzten Rest rausholen! Ich freute mich riesig! Es war geschafft, keine Höhenmeter mehr! Nur noch abfahren und da! Wie viel Zeit ich wohl bis jetzt gebraucht hatte? Da setzte mein Hirn so langsam die österreichischen Wortbrocken zusammen und die Übersetzung leuchtete auf: "Wenn Du Dich beeilst, schaffst Du vielleicht noch die 11" hatte der Bursche gesagt, also meinte er wohl die Gesamtzeit von 11 Stunden? Jawoll, Gas geben, vielleicht klappt's ja trotz der fehlenden Abfahrtserfahrung. Wobei ich mich da nun auch immer sicherer fühlte.

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Abfahrt ins Ziel

Ich gab was zu geben war, überholte andere, wurde wieder überholt, wollte mir das nicht bieten lassen und überholte selbst wieder. Eigentlich total sinnfrei, aber das machte richtig Spaß! Ich konnte jetzt ganz befreit den letzten Rest aus mir rausholen, da kam schon der Abzweig zum Rettenbachferner, da die Feuerwehr von Sölden, die Hauptsstraße voll von Menschen, die klatschten, jubelten, in Hörner tuteten, mir aufmunternde Dinge zuriefen. Ich ging raus aus dem Sattel, das letzte Stück im Endspurt, da, die Rechtskurve, über die Brücke, das Ziel! Dort waren Hunderte, wenn nicht Tausende, die mir zujubelten. Mein Name wurde aufgerufen, die Zeit 11:06 irgendwas, ok, nicht ganz geschafft, aber geile Abfahrt, alles gegeben! Um mich herum haufenweise glückliche Radfahrer, lachende Gesichter, vor lauter Menschen sah ich den Ausgang aus dem Zielbereich gar nicht, an dem Sabrina und Anni warteten. Beide freuten sich riesig mit mir, "Du hast es geschafft!" riefen Sie, "Ja, ja, ja!" rief ich lachend zurück. Ein paar Minuten später kam Dirk rein, und nachdem er von seiner Angela fest umarmt wurde klatschten wir uns ab.


Anni meinte später, die Stimmung im Ziel sei die ganze Zeit über so grandios gewesen, der Jubel frenetisch, bei jedem Fahrer (waren ja 4000! - 331 hatten aufgegeben) wurde geklatscht, was die Hände hergaben.  Es war wirklich ein Gänsehautfeeling. Ich brachte noch meinen Transponder zurück, holte das Finisher-Trikot ab, und ging wieder zu Anni und Sabrina, die meinten, ich müsste noch ein ordentliches Finisher-Foto machen mit dem Trikot, sie hätten mich gar nicht richtig am Ziel auf die Linse kriegen können. Also alles ausziehen, Finisher-Trikot über, Rad über den Kopf gehoben, Foto gemacht, und dann durch die Menschenmenge zurück zum Hotel. Das war es! Geschafft! Das breite Grinsen auf dem Gesicht wird mich wohl den ganzen Abend nicht verlassen haben. Nach dem Duschen gingen wir zur Belohnung zu unserem Italiener  essen, natürlich war wieder eine kleine Schlange am Eingang. Wir hörten, wie unter Sirenengeheul der letzte Fahrer ins Ziel kam, begleitet vom Besenwagen, Polizeimotorrädern und Sanitätsfahrzeugen mit Blinklichtern und  viel Lärm, und vom Publikum gefeiert wurden, als wären sie die Sieger. Irgendwie waren sie das auch, ich hatte so viele gesehen, die nicht mehr konnten, und nur zu Fuß weitergingen, weil kurbeln nicht mehr ging, den Besenwagen im Rücken. Die letzten mussten einen ständigen Kampf mit sich ausfechten, aufgeben, in den Besenwagen setzen, oder weitergehen? Die letzten hatten bestimmt mehr und vor allem härtere Kämpfe mit sich ausfechten müssen, und in meinen Augen waren sie tatsächlich ganz große Sieger und verdienten jeden Respekt.

DSC 1991 SmallNachgedanken

Später schauten wir uns noch die tolle Siegerehrung im vollen Saal an, auch das war toll aufgezogen, mit Musik, zweisprachig, Preisen... auch die beiden letzten wurden auf die Bühne geholt und geehrt - auch sie bekamen ihren verdienten Applaus.

Im Nachhinein waren Sabrina, Anni und ich uns einig: Das war eine absolut phantastische, hervorragend bis ins Detail organisierte, oppulente, spannende, geile Veranstaltung, die wir alle zusammen unbedingt im nächsten Jahr nochmal angehen wollen!

Am nächsten Tag waren die ersten Bilder von unterwegs im Netz, noch nicht nach den einzelnen Teilnehmern sortiert, aber "Best-Of"-Fotos. Herrliche Bilder, viele davon auf der Facebook oder der Internetseite des Ötztalers zu sehen. Meine persönlichen Helden zwei Fahrer, denen jeweils eine Extremität fehlte, ein Fahrer mit nur einem Bein, der oft abgebildet war, es soll auch jemand mit nur einem Arm dabei gewesen sein. Wer mit einem solchen Handicap, vielleicht nach einem gewaltigen Schicksalsschlag, sich wieder seinem Hobby zuwendet und solche Aufgaben wie den Ötztaler Radmarathon meistert, ist für mich einfach ein Held, vor dessen Einstellung und Kampfgeist ich mir nur ehrfürchtig gern ein Scheibchen abschneiden würde.

Das waren jetzt viele Worte, aber beim Schreiben fing wieder mein Herz an zu klopfen, die Erinnerung holte das Adrenalin aus dem Körper und brachte das Gänsehautfeeling zurück. Ich kann nur jedem von Euch empfehlen, alles dafür zu tun, ein solches Erlebnis auch mal haben zu können, es war absolut phantastisch, beflügelnd und eine Erinnerung, die so schnell nicht verblassen wird. Ich hoffe, ich konnte ein bisschen davon mit meinen Worten "rüberbringen" und das Lesen hat Euch genausoviel Freude bereitet, wir mir das Schreiben.

Viele Grüße, Jürgen

P.S.: Unterwegs habe ich viele schöne Trikots gesehen, von Assos, Rapha und anderen erlesenen Firmen. Meins war vielleicht nicht das schönste, aber es hat mich gefreut, es dort tragen zu dürfen ;-)